Eurokrise: Ist Griechenland ein hoffnungsloser Fall?

(11.06.2012) Dem MIT-Kreisverband Mannheim habe ich die Einladung zu einer äußerst interessanten Podiumsdiskussion des deutsch-hellenischen Unternehmerverbandes Rhein-Neckar in den Räumen des ZEW zu verdanken. Es waren ca. 80 Zuhörer erschienen, darunter diverse SPD-Mandatsträger aus Gemeinderat, Landtag, Bundestag und Europaparlament. Für die CDU habe ich als einziger die Fahne hochgehalten.

Interessant war diese Veranstaltung nur teilweise wegen der Beiträge vom Podium, sondern vor allem wegen der Beiträge aus dem Publikum. Sie waren nach meinem Eindruck von auffallend wenig Selbstkritik geprägt. Es wurde darüber diskutiert, dass deutsche Unternehmen dem griechischen Staat Panzer liefern, die dieser gar nicht brauchen. Es wurden Wachstumspakete angemahnt, da man anderenfalls Griechenland „kaputt spare“. Es wurde auf die bösen Spekulanten geschimpft, die für Griechenland-Anleihen hohe Zinsen verlangen und an der Krise auch noch verdienen. Auf die Idee, dass die Krise vielleicht auch von den Griechen selbst verursacht sein könnte, ist allerdings keiner der griechischen Diskussionsteilnehmer gekommen.

Dieses Phänomen, dass die Griechen nur in den Anderen die Schuldigen sehen, erläuterte der auf neugriechische Geschichte spezialisierte Historiker Prof. Heinz Richter von der Universität Mannheim wie folgt: Die Griechen sind ein Volk, das faktisch nie einen eigenen Staat gehabt hat. Sie standen 2.000 Jahre unter Fremdherrschaft, zunächst unter römischer, dann unter byzantinischer, danach unter osmanischer. Erst 1830 haben sie sich von den Türken befreit. Formell hatten sie zwar einen eigenen Staat, faktisch standen sie aber bis zum 2. Weltkrieg unter dem Protektorat der Briten, danach bis 1974 unter stark amerikanischem Einfluss. Griechenland erlebte in den letzten 200 Jahren mehrere Staatspleiten, die von den Briten und Amerikanern aufgefangen wurden, da dieses Land für sie von großer strategischer Bedeutung war.

Um die heutige Mentalität der Griechen zu verstehen, muss man die mehr als 2.000-jährige Fremdherrschaft berücksichtigen. Ihre politischen (Fremd-)Herrscher haben die Griechen, das ist verständlich, stets als Feinde wahrgenommen. Einem Feind zahlt man selbstverständlich freiwillig keine Steuern. Als Scharniere zwischen der osmanischen Fremdherrschaft und der griechischen Bevölkerung fungierten die sog. Muchtare, das sind gewählte lokale Dorfbürgermeister. Diese mussten zwar einerseits die Interessen der Osmanen vertreten, andererseits schützten sie die griechische Bevölkerung. Sie erhielten im Laufe der Zeit eine große Macht und großen Reichtum. Um wiedergewählt zu werden, mussten sie ihren Wählern Geld, Privilegien und Ämter zukommen lassen. Über mehr als 2.000 Jahre haben die Griechen ein klientelistisches System entwickelt, das bis heute fortdauert.

Nur vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass die Griechen nicht das geringste Unrechtsbewusstsein dabei haben, wenn EU-Gelder zu einem großen Teil auf Privatkonten verschwinden, jedoch nicht bei griechischen, sondern meist bei Schweizer oder englischen Banken. Und als die Griechen den Euro erhielten und damit auf den Kapitalmarkt zu niedrigsten Zinsen eine riesige Menge von Geld bekamen, haben die griechischen Politiker dieses Geld nicht etwa für Investitionen ausgegeben, sondern um ihre Klientel zu bedienen. Denn die heutigen Politiker sind den früheren Muchtaren sehr ähnlich. Die gesamte griechische Wirtschaft besteht zu 50% aus Staatsbetrieben, deren wichtigste Funktion darin besteht, ihrer Klientel Privilegien, Ämter und Arbeitsplätze zu verschaffen. Und wer die Wünsche seiner Klienten nicht mehr erfüllen kann, der wird beim nächsten Mal abgewählt. Politische Parteien in Griechenland darf man nicht mit denen in Westeuropa verwechseln: Sie haben weder ein Parteiprogramm, noch Kongresse noch eine politische Willensbildung. Sie sind reine Klientel-Parteien.

Vor diesem historischen Hintergrund wird die Griechenland-Krise erst verständlich. Die Griechen sind nicht mehr oder weniger fleißig, nicht mehr oder weniger korrupt als andere auch. Im Unterschied zu anderen Staaten haben sie allerdings ein riesiges Problem: Sie haben keinen funktionierenden Staat. Was sie einen Staat nennen, ist eine Verfilzung zwischen einer politischen und wirtschaftlichen Oligarchie, mit dem höchst ungerechten Ergebnis, dass die unteren und mittleren Schichten alle Belastungen der Krise tragen müssen, während die politische und wirtschaftliche Oligarchie in ihrem Reichtum erstickt. Daran wird sich auch dann nichts ändern, wenn bei der Neuwahl am nächsten Sonntag, dem 17. Juni, der Führer der Linken Tzipras siegen sollte. Auch er hat ein völlig klientelistisches Politikverständnis und verspricht seinen Wählern unerfüllbare Wohltaten, die Beendigung des „Spar-Diktats“ und die Beibehaltung des Euro. Und Herr Samaras, der Führer der Konservativen, macht es kein bisschen anders. In Griechenland ist eine politische Bewegung gegen den Klientelismus nicht in Sicht. Immer weitere Garantien und Zahlungen werden nichts bringen. Solange es den Klientelismus gibt, bleibt Griechenland ein Fass ohne Boden.

Und wie soll es weitergehen? Auch das war interessant: Kein einziger griechischer Diskussionsteilnehmer hat auch nur in Erwägung gezogen, die Drachme wieder einzuführen. Man will den Euro behalten, aber ohne schmerzhafte Therapie. Und das ist das eigentlich Desillusionierende: Man wird nicht davon ausgehen dürfen, dass die Griechen selbst bereit und in der Lage sind, ihre Probleme an der Wurzel zu behandeln. Auf die Frage, wie die Zukunft Griechenlands aussieht, antwortete der Historiker: „Für die nächsten 30 bis 50 Jahre muss man wohl von einer Art Protektorat ausgehen.“ Die Griechen müssen selber entscheiden, ob sie zur Drachme zurückkehren und autark bleiben oder den Euro behalten und im Gegenzug politische Souveränität abgeben. Ein „Weiter so“ gibt es nicht mehr, egal wer die Wahl am kommenden Sonntag gewinnt.