Betreuungsgeld? Ja bitte!

(02.07.2012) Um das Betreuungsgeld ist ein Glaubenskrieg entstanden. Das verwundert sehr, denn nach einer Forsa-Umfrage waren im Jahre 2007 noch 81% der 18- bis 29-Jährigen für die Einführung des Betreuungsgeldes. Die damalige große Koalition hatte im Jahr 2008 die Einführung eines Betreuungsgeldes vereinbart, was im Koalitionsvertrag der jetzigen Bundesregierung fortgeschrieben wurde. Und doch ist die öffentliche Meinung gekippt. Das Betreuungsgeld wird als Herd- oder Verdummungsprämie diffamiert, mit dem die Frauen an Kinder und Küche gebunden und von der Selbstverwirklichung im Berufsleben ferngehalten werden sollen.

Bei näherer Betrachtung lassen sich die Argumente der Gegner des Betreuungsgeldes nicht halten:

1. Wahlfreiheit

Das Betreuungsgeld ist keine Prämie dafür, dass Mütter zu Hause bleiben (sonst hieße es Müttergeld), sondern es soll Wahlfreiheit zwischen unterschiedlichen Erziehungsmodellen herstellen. Wählt man für die Erziehung seiner 2- und 3-jährigen Kinder eine staatliche Einrichtung, soll diese den Eltern kostenlos zur Verfügung stehen. Die Eltern können sich aber auch für ein anderes Modell entscheiden, zum Beispiel dass ein Elternteil – Mutter oder Vater – zu Hause bleiben, oder dass sie die Pflege ihres Kindes den Großeltern, einer Tagesmutter oder einer privaten Einrichtung anvertrauen.

 

2. Ausgleichsleistung

Ein Kita-Platz kostet bis zu 1.000 Euro pro Kind im Monat. Wenn Eltern sich gegen eine Kita-Betreuung entscheiden, obwohl sie einen Rechtsanspruch darauf haben, sparen sie dem Staat Ausgaben. Indem die Eltern die Kinderbetreuung selbst übernehmen, bringen sie eine Leistung, die an sich der Staat in der Kita-Einrichtung zu erbringen hätte. Es wäre nicht nachzuvollziehen, warum Eltern, die dem Staat monatlich bis zu 1.000 Euro sparen, nicht einmal eine Anerkennungsgebühr in Höhe von 100 Euro pro Monat erhalten sollen. Wenn Angehörige ihre Eltern pflegen, bekommen sie ja auch Pflegegeld. Man weiß, dass sie eine wichtige Leistung erbringen und die häusliche Atmosphäre in der Pflege geschätzt wird. Warum soll Ähnliches nicht für die Betreuung von Kindern gelten?

3. Anerkennung

Das Betreuungsgeld signalisiert auch, dass Erziehungsarbeit für die Gesellschaft eine gleichwertige Leistung ist wie die Erwerbsarbeit. Mütter oder Väter, die sich dazu entscheiden, die Erziehungsarbeit nicht dem Staat zu überlassen, werden immer häufiger als unmodern und rückständig stigmatisiert. Früher waren die berufstätigen Mütter die Herzlosen, heute sind die Mütter, die zu Hause bleiben, die Hirnlosen. Das Pendel ist von einem Extrem ins andere geschlagen. Der Irrglaube, nur berufstätige Mütter seien vollwertige Menschen, bedarf dringend der Korrektur.

4. Bindungsforschung

Kindermediziner und Kinderpsychologen weisen immer wieder darauf hin, welche überragende Bedeutung die ersten drei Jahre eines Kindes für das gesamte spätere Leben haben. Für das Kleinkind gibt es nichts Besseres als eine liebevolle, feste Bezugsperson, auf die es sich immer verlassen kann. Die Präsenz einer Mutter oder eines Vaters kann nicht ersetzt werden durch eine Kita-Betreuerin, wie gut diese auch sein mag. Amerikanische Kinderpsychologen haben in einer groß angelegten Untersuchung nachgewiesen, dass ein Krippen-Aufenthalt selbst bei guter Betreuungsqualität eine massive Überforderung der Kleinstkinder bis drei Jahren bedeutet und die dauernde Präsenz einer verlässlichen Mutter bzw. eines Vaters nicht ersetzen kann.

5. Kita-Realität

Man sollte auch die Realität der Krippen-Betreuung nicht aus den Augen verlieren. Diese ist geprägt von Personalmangel, frühpädagogisch unqualifizierten Aushilfskräften und einer Towuhabohu-Beschäftigungstherapie. Aufschlussreich war zu diesem Thema die Talkshow „Günter Jauch“ am 3. Juni 2012. Wenn es ab August 2013 den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gibt und der Personalmangel durch Rekrutierung von Hartz-IV-Kräften gelöst werden soll, droht aus der propagierten frühkindlichen Förderung eine Kindeswohl-Gefährdung zu werden. Wenn Bindungsforscher schon eine gute Krippen-Betreuung aus entwicklungspsychologischen Gründen für problematisch halten, dann muss man bei der Realität der Krippen-Betreuung mit geradezu beängstigenden Folgen für die Entwicklung unserer Kinder rechnen.

6. Missbrauch des Betreuungsgeldes durch „bildungsferne“ Eltern?

Das scheint das stärkste Argument der Gegner des Betreuungsgeldes zu sein: Einkommensschwache Familien verwenden das Betreuungsgeld nur für den eigenen Konsum und halten die Kinder von einer frühkindlichen Förderung fern. Für diese These gibt es keine statistischen Belege! In Kommunen mit überdurchschnittlich hohem Anteil an Hartz-IV-Beziehern werden besonders viele Kinder in staatlichen Einrichtungen betreut, in katholisch geprägten Kommunen liegt der Betreuungsanteil wesentlich niedriger. Das deutet darauf hin, dass es nicht auf die soziale Bedürftigkeit, sondern eher auf kulturelle Prägungen für das gewählte Familien- und Betreuungsmodell ankommt. Im Übrigen erscheint die Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Familien sehr arrogant.

7. Sozialstaat oder Sozialismus?

Im Kern geht es um unterschiedliche Staatsverständnisse und um unterschiedliche Lebensentwürfe. Das ist auch der Grund, weshalb die Diskussion in eine Art Glaubenskrieg ausartet. Es mutet allerdings sehr befremdlich an, mit welcher Selbstverständlichkeit die Gegner des Betreuungsgeldes die Kinder in die Hände des Staates legen und erwarten, dass er Betreuung und Erziehung übernimmt, und zwar ganztägig, beginnend mit der Krippen-Betreuung bis hin zur Schule. Es verwundert, wie sehr man dem Staat vertraut, dass er das  Beste zum Wohl der Kinder leisten wird. Gar keine Frage: Solche Lebensplanungen sind zulässig und möglich, das muss jedes Elternpaar für sich entscheiden. Bedenklich wird es aber, wenn dies zum Leitbild der gesamten Erziehung werden soll. Dann wäre die Grenze zu einem sozialistischen Staatsmodell überschritten. Da muss die CDU sehr wachsam sein!