Buchtipp: Heinz Buschkowsky, Neukölln ist überall

(24.09.2012) Nur einen Tag nach dem Erscheinungsdatum versuchte ich, das Buch in einer Buchhandlung in Berlin und in einer in Mannheim zu erwerben. Beides Mal war es bereits ausverkauft. Das liegt nicht nur an der erfolgreichen PR-Arbeit des Verlages mit umfangreichen Vorabzügen und vielen Rezensionen, sondern vor allem am Thema, das den Menschen offenkundig auf den Nägeln brennt. Heinz Buschkowsky, SPD, ist Bezirksbürgermeister in Neukölln, dem größten Berliner Stadtbezirk mit ebenso vielen Einwohnern wie Mannheim. 41% der Bewohner haben einen Migrationshintergrund, sie sind „nicht-deutscher Herkunftssprache“, die Einwanderer stammen aus 150 Herkunftsländern. Muslime stellen fast die Hälfte aller Einwanderer. Je jünger die Bewohner, desto mehr verschiebt sich der Anteil zugunsten der Migranten. 66% aller Grundschüler haben eine Zuwanderungsgeschichte. 39% aller Einwanderer-Kinder werden mit gar keinen oder nur sehr fehlerhaften Deutsch-Kenntnissen eingeschult. Im Norden von Neukölln haben gar 87% der Schüler Migrationshintergrund. 55% ihrer Familien beziehen öffentliche Leistungen wie Hartz-IV, Sozialhilfe oder Wohngeld. Buschkowsky beschreibt in einer klaren und erfrischenden Sprache aus jahrzehntelanger Erfahrung einen Alltag, der auch auf uns zukommen könnte, wenn wir nicht aufpassen. Er berichtet von geschlossenen Gesellschaften, die alles Deutsche ablehnen und in denen selbst ernannte Friedensrichter das deutsche Recht aushebeln. Er berichtet von Schülern, deren Eltern in manchen Schulen bis zu 90% keiner geregelten, offiziellen Arbeit nachgehen. Er empört sich darüber, dass seit 2009 das Verbot rein kirchlicher Ehen aufgehoben ist, womit der muslimischen Viel-Ehe und der Zwangsverheiratung in Deutschland Tür und Tor geöffnet wurden. Er schildert, wie viele Migranten das komplizierte Hartz-IV-Antragswesen besser beherrschen als die Sacharbeiter im Jobcenter und die ihren Kindern den Glauben mitgeben, dass das Erschleichen von Sozialleistungen das Lebensziel an sich sei. Und er beschreibt auch, wie die Getthoisierung in Gewalt und Kriminalität mündet mit vielen erschreckenden Beispielen.
Die zentrale Ursache dieser traurigen Entwicklung sieht Buschkowsky – das ist sein Credo – darin, dass viele Zuwanderer, die zu uns kommen, nicht die Regeln anerkennen, die bei uns herrschen. Um es mit dem Rotterdamer Oberbürgermeister Ahmed Aboutaleb zu sagen: „Ich diskutiere mit niemanden über die Gesetze dieses Landes. Wem sie nicht gefallen, der kann sich gerne ein Land suchen, wo er mit ihnen besser zurecht kommt.“. An dieser einfachen klaren Haltung, die anstrengend sein kann, haben wir es fehlen lassen. Wir haben oft den bequemen Weg der Nachgiebigkeit gewählt und dürfen uns jetzt über die Konsequenzen – immer größere Forderungen und immer mehr Feindseligkeit – nicht wundern. All dies sind Erkenntnisse aus dem „Integrationslabor“ Neukölln, das wir alle sorgfältig studieren sollten, wenn wir uns über die Zukunft der Integration unterhalten.
Buschkowsky ist kein Fremdenhasser und kein Rassist. Sein Ton ist bei aller Besorgnis um ein friedliches Zusammenleben letztlich menschenfreundlich. Jeglicher Zynismus – wie etwa die Gen-Analysen eines Thilo Sarrazin – ist ihm fremd. Nicht einmal seinen Optimismus lässt er sich nehmen. Er verweist auf seine Rettungsinseln, seine Neuköllner Leuchtturmschulen, die er zu Ganztagsgymnasien mit Förderkursen für Deutsch bis zum Abitur umgebaut hat. Das hat zwar Geld gekostet, aber eben nur so viel wie der Bau von fünf Jugendknast-Plätzen.
Natürlich ist Neukölln – noch – nicht überall! Aber der Keim von Neukölln liegt überall und wir müssen darauf bestehen, dass alle Zuwanderer die Spielregeln unserer Gesellschaft einhalten. Anderenfalls wächst sich dieser Keim zu einer flächendeckenden Krankheit aus.
Heinz Buschkowsky ist Sozialdemokrat, aber ein solcher, den man sich gerne auch in der eigenen Partei wünscht, nämlich mit einem klaren Koordinatensystem zu Recht und Ordnung, mit Pragmatismus und Mutterwitz, und mit sehr viel Interesse an den Menschen und – das macht ihn besonders sympathisch – mit einem ausgeprägten Desinteresse an Sonntagsreden und politischer Korrektheit. Das Buch kann ich nur wärmstens empfehlen. Wenn es Ihr Buchhändler nicht vorrätig hat, versuchen Sie es bei Amazon!