Wieviel Satire darf man dem Islam zumuten?

(24.12.2012) Bilder sagen mehr als Worte. Die Satirezeitschrift Titanic beabsichtigt, am 28.09.2012 die Oktober-Ausgabe mit dem nebenstehenden Titelbild herauszugeben. Gezeigt wird die Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten, wie sie von einem Turban-Träger mit einem Säbel bedroht oder verteidigt wird. Mit dem Titel: „Der Westen in Aufruhr: Bettina Wulff dreht Mohammed-Film“. Titanic nutzt die Aufregung um das Mohammed-Schmähvideo und vermischt dies mit der peinlichen PR-Aktion von Bettina Wulff. Viele Politiker, auch solche aus der CDU, empfehlen dem Verlag, derzeit jegliche Islam-Karikaturen zu unterlassen, da man mit islamistischen Ausschreitungen und Terroraktionen rechnen müsse.
In der Juli-Ausgabe gab es das nebenstehende Papst-Bild auf der Titelseite der Titanic. Mit Bezug auf die sog. VatiLeaks-Affäre wird der Papst in einer weißen Sutane und einem gelben Fleck abgebildet, der offensichtlich auf eine Inkontinenz schließen lässt unter dem Titel: „Die undichte Stelle ist gefunden!“. Der Vatikan ist gegen diese Darstellung zunächst gerichtlich vorgegangen, hat die Klage jedoch wieder zurückgenommen. Es ist nicht bekannt, dass die katholische Kirche mit Ausschreitungen oder gewaltsamen Reaktionen gedroht hätte.
Ob mit einem der beiden Bilder die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten sind, will ich offenlassen, ich glaube es jedoch nicht. Denn bekanntlich darf Satire nach Tucholsky alles. Auffallend ist allerdings die Ungleichbehandlung der beiden Bilder in der Öffentlichkeit und unter Politikern. Die Beleidigungsqualität des Papst-Bildes ist weit größer als die harmlose Islam-Karikatur. Trotzdem wird der Verlag ernsthaft aufgefordert, das läppische Oktober-Titelbild aus Sicherheitsgründen nicht zu veröffentlichen, während die Juli-Ausgabe vielen Zeitgenossen zwar geschmacklos erschien, aber niemand auf die Idee gekommen ist, eine solche Blasphemie künftig zu unterlassen. Was ist das für ein Verständnis von Meinungsfreiheit, das ausschließlich danach geht, wie der Betroffene zu reagieren droht? Wenn ein Titelbild beleidigend war, dann war es das Papst-Bild mit der „undichten Stelle“. Klugerweise hat der Vatikan von einer gerichtlichen Auseinandersetzung abgesehen. Wie feige sind wir geworden, dass wir eine harmlose Islam-Karikatur nicht mehr veröffentlichen, während wir bei Karikaturen im eigenen Kulturraum umso beleidigender sein dürfen, da der Beleidigte sich jedenfalls nicht mit Gewalt wehrt? Was ist das für ein Verständnis von Religionsfreiheit, das sich von Gewaltandrohungen abhängig macht? Feige sind nicht nur unsere Politiker, die Islam-Karikaturen unter allen Umständen verbieten wollen. Feige sind auch die Medien und insbesondere das Satiremagazin Titanic. Das hat ja nur scheinbar eine Islam-Karikatur veröffentlicht. Die Vermischung des braun gebrannten Turban-Kämpfers mit der lächerlichen Bettina Wulff ist in Wirklichkeit gar keine Islam-Karikatur, sondern die Kapitulation vor knallharter Satire, wie sie mit bei dem Papst-Bild praktiziert wurde. Und das ist das eigentlich Beängstigende, dass sogar die radikalen Vertreter der Meinungsfreiheit aus Angst vor Gewaltandrohungen den Spielraum der Meinungsfreiheit gar nicht mehr ausnutzen.